![]() |
Unsere Praktikanten: ausführlicher Erfahrungsbericht |
|
Praktikum Journalism/ Marketing bei einem suedindischen Reisemagazin
Als ich nach Indien, genauer gesagt, Kerala kam, hatte ich keine Vorstellung von dem, was mich erwartet. Natuerlich waren mir auch durch mein Studium einige Dinge ueber die Kultur usw. bekannt und es gab die Bollywood-Filme, die mit schoener Regelmaessigkeit ueber die Fernsehbildschirme flackerten, aber mir war schon klar, dass Shahrukh Khan nicht ums Flugzeug tanzen wuerde wenn ich lande, vor allem, weil ich nach Sued-Indien kommen wuerde. Palmen und Ayurveda war das, was ich im Kopf hatte, als ich aus dem Flugzeug auf Kerala blickte und vor Gruen fast erschlagen wurde.
Jetzt, nach ein paar Monaten, muss ich sagen, dass einen nichts auf das Leben, das Land und die Leute vorbereiten kann, kein noch so umfassendes theoretisches Wissen. Liegen Indien und Europa auf dem gleichen Planeten? Alles ist anders, aber man selber ist der Foreigner, der schraeg angeschaut wird und manchmal ist es einfach zu viel, wenn man nicht mal in Ruhe in den sehr westlichen Supermaerkten einkaufen kann, ohne staendig angestarrt zu werden. Eine Erfahrung fuer sich war auch das Bus fahren und bis heute habe ich noch keinen einzigen Touristen einen Fuss in einen Bus setzen sehen. Ganz abgesehen von dem permanenten Gestarre ist es voll, eng, anstrengend und alles andere als gesund fuer den Ruecken, aber man gewoehnt sich an alles. Und eigentlich ist es irgendwann sehr befriedigend, da anzukommen, wo man will und sich selbststaendig in der Stadt bewegen zu koennen, ohne auf die Rikscha-Fahrer angewiesen zu sein, die einen ganz gerne mal uebers Ohr hauen wollen. Mein Praktikum war nicht ganz das, was ich erwartet habe, aber trotzdem habe ich viel gelernt, nicht zuletzt, dass es durchaus machbar ist, sich in einem fremden Land in einer fremden Sprache zu verstaendigen und sogar Artikel zu schreiben, die dann veroeffentlicht werden - das ist super, ganz abgesehen von meinen Arbeitskollegen, die bis auf ein oder zwei Ausnahmen echte Freunde geworden sind und mir viel ueber Indien, speziell Kerala, beigebracht haben und mich nie im Stich gelassen haben, wenn es mir mal nicht gutging. Im Rahmen meines Praktikums habe ich mich viel mit Hotels und deren Management auseinander gesetzt und interessante und inspirierende Interviews gefuehrt, ganz abgesehen davon, dass ich von da an immer wieder mal zum Hallo sagen vorbeischauen konnte, was in Deutschland eher eine Ausnahme ist. Gastfreundlichkeit ist hier sowieso ein Punkt, von dem die westlichen Laender ohne Ausnahme lernen koennen, ich habe es selten erlebt, so freundlich behandelt zu werden, auch an den Bushaltestellen, wo ich mich immer erkundigen musste, wohin der Bus denn nun gerade faehrt, weil ich die Schrift nicht lesen konnte. Was noch. Jedem, der nach Kerala kommt, sei gesagt, dass die Uhren hier anders ticken und gerade Trivandrum erzkonservativ ist. Nachtleben oder einfach ein paar Cafes wo man sich mit Freunden treffen kann gibt es in der bekannten Form einfach nicht und man muss sich darauf einstellen, um 22 Uhr ins Bett zu gehen, weil es eben nicht anders geht, da nichts zu tun ist, trotz der zahlreichen Fernsehsender, von denen die meisten aber natuerlich in Malayalam sind. Kontakt als Foreigner mit einem ortansaessigen Mann ist mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden, weil es das hier einfach nicht gibt, dass Maenner und Frauen Freunde sind vor der Ehe, darueber muss man sich sehr im Klaren sein, dass die praktkumsinternen Kontakte mehr auf Frauen beschraenkt sind. Einige meiner Mitbewohnerinnen, die schon in den groesseren Staedten und auch in Mumbai, Delhi oder Bangalore waren, haben immer wieder bestaetigt, dass Traditionen und Sitten hier einen voellig anderen Stellenwert haben als z.B. im Norden, aber solange man keinen Malayali heiraten will, kann man damit durchaus klarkommen und indische Hochzeiten usw. einfach geniessen, ganz abgesehen davon, dass es hier ein paar wirklich schoene Fleckchen Erde gibt, bei denen man nur staunen kann. Es ist einfach eine voellig andere Welt, in jeder Beziehung, aber wenn man sie so sein laesst, wie sie ist und seine westlichen Massstaebe vergisst, erlebt man eine ausserordentlich lehrreiche und auch tolle Zeit, wobei ich immer wieder sagen muss, dass es nicht immer leicht war, gerade wenn man wie ich India to the fullest mitbekommt mit einer indischen Gastfamilie als erster auslaendischer Gast und den oeffentlichen Verkehrsmitteln, auf die ich angewiesen war. Ich mag nicht so viel von der Umgebung mitbekommen haben wie vielleicht Touristen, die hier 3 Wochen bleiben und wieder fliegen, aber ich kann mit gutem Gewissen sagen, dass ich Indien erlebt habe, wie es wirklich ist, und nicht Indien light, wie es in meinem All-inclusive-Package enthalten ist. |