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Unsere Praktikanten: ausführlicher Erfahrungsbericht
Erfahrungsbericht zum Schulpraktikum von Maike L., Fächerkombination: Englisch/Deutsch (4 Wochen)
Mein Schulpraktikum absolvierte ich in der C. V. School in Cochin, Indien statt. C. V ist eine private, hinduistische Schule, deren Klassen vom Kindergarten bis zur 12. Stufe der Highschool führen. So durfte auch meine fünfjährige Tochter Louisa problemlos mit mir die Schule besuchen.
Gleich zu Beginn meines Praktikums führte die Schulleiterin ein Gespräch mit mir, in welchem sie mir vorschlug, ein Märchen oder eine Geschichte in ein Theaterstück umzuschreiben, diese mit Schülern aus der 3.,4.,5. und 6. Klasse einzustudieren und aufzuführen. Ich ließ mich auf ihren Vorschlag gerne ein, zumal sie mir auch die Unterstützung dreier Englischlehrerinnen zusicherte.
In der ersten Woche meines Praktikums ging ich zur Eingewöhnung nur zwei Stunden täglich vormittags zur Schule und unterstützte die Lehrer des Kindergartens, indem ich mit ihren Schülern englische und deutsche Lieder einübte. Die Muttersprache der meisten Schüler ist Malayalam, so dass Englisch ihre erste Fremdsprache darstellt. Ich hatte den Eindruck, dass die Schüler die Lieder mit Leichtigkeit und Freude lernten und dachte dabei an "unsere" Kinder im Kindergarten in Deutschland, die in der Regel nicht die Chance erhalten, in diesem Entwicklungsabschnitt eine Fremdsprache zu erlernen. Erst später, wenn bekannterweise das Fremdsprachenlernen viel schwieriger geworden ist (s. Prof. Jürgen M. Meisel in: "Do you play English" Die Zeit, 2.3.2006, Nr.10, Universität Hamburg), lernen "unsere" Schüler mühevoll englische Vokabeln und Grammatik. Ist Deutschland im Bildungsbereich nicht manchmal noch ein Entwicklungsland?
Am Wochenende erarbeitete ich Dialoge und Lieder zu dem Märchen "Dornröschen" bzw. "Sleeping Beauty". Meine beratende Englischlehrerin, Mrs. Anita, hatte mir empfohlen, auch einige Tiere ins Theaterstück einzubauen, wie beispielsweise Elefanten, Affen, Hasen oder eine Giraffe. Aber worüber unterhalten sich diese Tiere, und was für einen Charakter haben sie? Was erwartet ein indisches Publikum, wenn beispielsweise ein Affe die Bühne betritt? Bei diesen Fragen wurden mir spezielle kulturelle Unterschiede deutlich. In Deutschland haben wir ein bestimmtes oft wiederkehrendes Bild vom Affen in der Literatur: Er hüpft durch die Gegend und verhält sich ungezogen. Weil er dem Menschen so ähnlich sieht, werden immer wieder lustige und bitterböse Vergleiche zwischen den zwei Spezies gezogen. In Indien, so erfuhr ich im Gespräch mit Mrs. Anita, erwarten die Zuschauer aber noch mehr. Der Affe verhält sich explizit provozierend frech und unverschämt, er darf sich (fast) alles erlauben. Wo aber liegen die Grenzen? Ich entschied mich, vorsichtig zu sein und den Affen hüpfend, aber nicht zu frech auftreten zu lassen.
Am Anfang der darauffolgenden Woche las Mrs. Anita in meinem Beisein mein Theaterstück durch. Hin und wieder wackelte sie dabei mit ihrem Kopf, was mich zunächst irritierte. Es bedeutet aber nicht Ablehnung, sondern, wie üblich in Indien, eher Verwunderung oder Zustimmung. Mrs. Anita war sehr zufrieden mit meinem Entwurf und schlug vor, gleich mit dem "Casting" der Schüler für die einzelnen Rollen zu beginnen. Hier halfen nun auch noch zwei weitere Lehrerinnen, Mrs. Irene und Mrs. Beegee. Sie hatten im Vorfeld schon einige Schüler ausgesucht, die sie für geeignet hielten. Die Schüler lasen nun jeweils ein kleines Stück aus ihrem Englischbuch vor. Diejenigen, die am deutlichsten sprachen, erhielten die Hauptrollen, die übrigen kleinere Rollen. Zusammen mit der Schulleiterin Mrs Mohan wurde dann der Aufführungstermin festgelegt. Es sollte der 24. Juli 2008 sein, also kurz bevor ich wieder nach Deutschland zurückfliegen würde. Mrs Anita äußerte anfänglich Skepsis, sie wollte den Termin vorverlegen, weil im Bundesland Kerala, das stark durch seine kommunistische Partei geprägt ist, öfter gestreikt wird und man im Vorfeld nie wisse, wann der Streik stattfindet. Doch dann stimmte sie auch zu, den Termin auf den spätesten Zeitpunkt zu legen, um den Kindern möglichst viel Zeit zum proben einzuräumen.
Tatsächlich wurde während meines Aufenthalts zweimal gestreikt. Beim ersten Streiktermin handelte es sich um eine Einforderung höherer Gehälter. Beim zweiten Streiktermin trauerte man um einen Schulleiter, der umgebracht worden war. Er hatte an seiner Schule, in einem etwa 100 km entfernten Ort, ein Textbuch im Fach "Social Science" mit kommunistischer Ideologie eingeführt, welches so heftigen Widerspruch auslöste, dass es schließlich zu aggressiven, handgreiflichen Auseinandersetzungen führte, in denen er attackiert wurde und starb. Dieser Vorfall stimmte mich nachdenklich. Wie kommt es dazu, dass ein Schulbuch solch eine explosive Relevanz erlangt? Wie viele weitere Konflikte solcher Art schwelen ungelöst unter der Oberfläche von Keralas Alltag?
Die Proben zu dem Theaterstück "Sleeping Beauty" fanden nun an jedem Schultag statt. Die Kinder hatten ihre Dialoge schnell von meinem Skript abgeschrieben und auch fast ebenso schnell gelernt. Mit Papier geht man in dieser Schule und insgesamt in Kerala sehr sparsam um, deswegen wurden nur drei Kopien des Theaterstücks für die Schulleiterin und die Lehrerinnen angefertigt, die mich unterstützten. Das heißt jedoch nicht, dass die Schule technisch nicht gut ausgestattet wäre. Schon in der Grundschule sind die meisten Klassenräume mit Computern bestückt, die zum Teil in die Tafel integriert sind.
Die Disziplin der Schüler empfand ich vortrefflich und erfrischend. Es gibt an der Schule bestimmte Verhaltensregeln, wie z.B. dass der Schüler, wenn er etwas sagen möchte, erst aufsteht und dann spricht. "Then the voice can travel above the heads of the students to the teacher," erklärte eine Lehrerin. Vor Beginn der Schule versammeln sich alle Schüler auf dem Schulhof und sprechen ihr Morgengebet, außerdem versprechen sie, dass sie dem Lehrer respektvoll begegnen werden. Die Regeln werden grundsätzlich eingehalten und erleichtern das Unterrichten sehr.
In der dritten Woche fanden Feierlichkeiten zur Verehrung von Saraswati, der Göttin des Lernens, statt. Die Lehrerinnen erklärten mir, dass sie die älteste Göttin des Hinduismus sei. Sie sei auch die Göttin der Weisheit, der Musik und der Künste, sie habe die Schrift erfunden und sei somit für die Schule sehr wichtig. Die Feierlichkeiten fanden aufgrund der Wetterlage in der Versammlungshalle statt, denn der Monsunregen hatte wieder heftig eingesetzt. Alle Schüler hatten Blumenblüten mitgebracht, um ihre Verehrung auszudrücken. In einer Zeremonie, in der hinduistische Gebete gesungen wurden, legten die Schüler die Blüten vor einem Bildnis von Saraswati ab. Die gehäuften Blumenblüten sahen wunderschön aus. Ich war fasziniert von der symbolischen Verknüpfung des Lernens mit der Schönheit der Blüten.
Unter der Woche, wenn "Probenpause" war, hatte ich auch die Möglichkeit den Englischunterricht einer 7.Klasse zu beobachten. Der Unterricht, in dem es darum ging, eine Geschichte mit einer Moral (You should not judge people by their outward appearance) zu schreiben, fand durchweg frontal statt, allerdings erklärte mir die unterrichtende Lehrerin, dass sie sich immer wieder bemühte, auch Gruppenarbeit und Projektarbeit durchzuführen. In den pädagogischen Zeitschriften, wie beispielsweise in The Teacher, die in der Schulbibliothek ausliegen, wird die Wichtigkeit dieser Arbeitsformen immer wieder betont. Am letzten Tag meines Aufenthalts fand die Theateraufführung von "Sleeping Beauty" statt. Die Schüler waren sehr aufgeregt. Sie hatten in den vorhergehenden zwei Wochen mit viel Engagement und Freude ihre Dialoge gelernt. Ich hatte mit ihnen ihre Gestik einstudiert, aber insbesondere auch lautes und deutliches Sprechen.
Zudem hatte ich das Stück durch einen kleinen Chor ergänzt, mit dem zusammen und mit einem Musiklehrer ich verschiedene Lieder in vier Sprachen, Deutsch, Malayalam, Englisch und Hindu, einstudiert hatte. Die Zusammenarbeit hatte mir sehr viel Freude bereitet.
Die Aufführung gelang den Schülern trotz Lampenfieber wirklich sehr gut. Hinterher waren sie ausgelassen und ich war erleichtert und glücklich. Ich verteilte zum Abschied Bonbons an die Schüler. Die Schulleiterin überreichte mir einen kleinen Pokal mit dem weisen Spruch von Swami Chinmayanandaji: "Every event in daily life is a silent proclamation of some profound truth".